Fortbildungsprogramm 2017/2018
Südhessens innovatives Bildungsnetzwerk
Menü

Lernen und arbeiten in der digitalen Welt

Manche Beobachter sprechen heute von der „vierten industriellen Revolution“, wenn sie die raschen technologischen Veränderungen plakativ einordnen sollen: Nach der Einführung der Dampf- und Kraftmaschinen kam die Fließbandarbeit, dann die Informationstechnologie, und jetzt kommt die Vernetzung aller Geräte, das „Internet der Dinge“. Es gibt heute schon mehr vernetzte Geräte im Internet als Menschen, die dort aktiv sind. Aber mit der raschen Verbreitung der künstlichen Intelligenz steht ein weiterer Wachwechsel bevor, der auch die Digitalisierung zu einem Spezialfall einer noch größeren Umwälzung werden lässt.

Doch Digitalisierung und „Industrie 4.0“ verändern schon jetzt den Arbeitsmarkt. Die Potenziale von „Industrie 4.0“ als einer wichtigen Ausprägungsform der Digitalisierung im verarbeitenden Gewerbe werden dabei durchweg positiv eingeschätzt. Über die Hälfte aller Berichte über die Themen von Industrie 4.0 fallen positiv aus, lediglich vier Prozent haben einen negativen Tenor. Industrie 4.0 betrifft vor allem die „B2B“-Ebene, also von Unternehmen zu Unternehmen, und führt zu einer besseren Abstimmung innerhalb der Wertschöpfungskette. Die Outsourcing-Möglichkeiten verbessern sich, eine Losgröße von nur eins wird möglich. Darüber hinaus kommt es zu neuen Produktionsformen mit einer stärkeren Anpassung des Produkts an die jeweiligen Kundenwünsche und zu einer Verknüpfung zwischen verschiedenen Dienstleistungen.

Durch die Digitalisierung entstehen auch neue Produkte und Geschäftsmodelle. Durch die Fortschritte bei der Robotik und der Maschinenlerntechnik „Deep Learning“ werden einerseits körperlich anstrengende und monotone Tätigkeiten abgelöst, zum anderen werden junge Unternehmen, die ihre Wertschöpfung überwiegend im Netz erwirtschaften, als digitale Startups neue Beschäftigungsgelegenheiten generieren. Auch in der Vergangenheit haben große technologische Schübe nicht das Ende der menschlichen Arbeit bewirkt, sondern das Leben einfacher gemacht und gleichzeitig über die damit verbundene Produktivitätssteigerung zu mehr Jobs und höheren Einkommen geführt.

Digitale Technologien flexibilisieren zudem den Arbeitsort und die Arbeitszeit. Mobile Endgeräte ermöglichen es, von zu Hause oder unterwegs auf interne Netzwerke und Informationsquellen zuzugreifen, Prozesse zu überwachen, zu steuern und zu planen sowie mit betrieblichen oder externen Partnern zu kommunizieren. Auch die Präsenzkultur in deutschen Unternehmen und die Restriktionen eines bestimmten zeitlichen Rahmens können dadurch gelockert werden, weil die Pflege von beruflichen Kontakten nicht mehr an die Anwesenheit an einem bestimmten Ort gebunden sein muss. Internetfähige mobile Geräte werden bevorzugt an Führungskräfte ausgegeben, Smartphones, Tablets oder Notebooks gehören für sie in großen Unternehmen zur Standardausstattung.

Die Fähigkeiten, ohne den direkten persönlichen Kontakt zu kommunizieren, Wissen zu teilen und Kooperationen einzugehen, stellen dabei erhöhte Anforderungen an Mitarbeiter und Führungskräfte. Damit verbunden sind auch neue Herausforderungen für die betriebliche Qualifizierungspolitik. Doch die Grundlagen für digitale Kompetenzen werden schon deutlich früher, nämlich in unserem schulischen System, gelegt, denn die mit der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft einhergehenden strukturellen Veränderungen sind auf vielfache Weise mit dem Bildungssystem verbunden. Kindergarten, Schule, Ausbildung und Hochschule müssen auf die digitale Arbeits- und Lebenswelt von heute und morgen vorbereiten und auch im Lehren und Lernen den veränderten technischen Möglichkeiten Rechnung tragen.

Die technologischen Veränderungen haben daher inzwischen auch ihren Niederschlag in regierungsamtlichen Positionspapieren gefunden. In der digitalen Gesamtstrategie der Kultusministerkonferenz etwa werden Handlungsfelder für Länder, Bund, Kommunen und Schulträger sowie Schulen formuliert. Aufgabe der Länder ist es demnach vor allem, in den Bildungsplänen der verschiedenen Unterrichtsfächer die angestrebten digitalen Medienkompetenzen der Schüler als Bildungsziele und als Kompetenzrahmen verbindlicher Anforderungen für die Bildung in der digitalen Welt zu verankern. Es ist vordringlich, dass dieser Ankündigung eine zeitnahe und verbindliche Umsetzung mit klaren Zielsetzungen folgt.

Gemeinsame Aufgabe von Ländern, Bund und Schulträgern muss ferner eine funktionssichere und leistungsfähige digitale Infrastruktur für Schulen sowie Schüler sein, die entsprechend investiv unterlegt wird. Zugleich sollten die Länder rasch an Lehrer gerichtete Aus- und Fortbildungsprogramme für die Anwendung wie auch den Unterricht über digitale Technologien ausarbeiten und umsetzen. Die Länder müssen die Entwicklung und Gestaltung anwenderfreundlicher und für den Unterricht geeigneter Lernprogramme voranbringen und digitales Lernen in Schule und Unterricht mit digitalen Lernplattformen und digitaler Schulverwaltungssoftware verbinden.

Großer Veränderungsdruck kommt auch auf die Betriebe zu. Sie verfügen zwar über eine gute technische Ausstattung, digitale Lern- und Medienformate werden hingegen in der Ausbildung noch sehr zurückhaltend eingesetzt. Zugleich erwarten die Betriebe einen Bedeutungszuwachs digitaler Endgeräte bei allen betrieblichen Tätigkeiten, während die digitale Kompetenz der Auszubildenden kritisch eingeschätzt wird. Umso wichtiger ist vor diesem Hintergrund, dass innovative digitale Lernformen auch die Attraktivität der beruflichen Aus- und Weiterbildung steigern. Digitale Medien bieten neue Möglichkeiten der Vermittlung und Erhaltung von Methoden- und IT-Kompetenzen im Bildungsverlauf. Zudem können digital erworbene Kompetenzen einen Beitrag zur Anerkennung non-formaler Bildungsprozesse leisten.

Hilfreich ist dabei eine Differenzierung danach, was wir lernen und wie wir lernen. Beim „Was?“ folgen aus der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt neue und veränderte inhaltliche Anforderungen. Diese zeigen sich nicht nur in einer stärkeren Nachfrage der Unternehmen nach digitalen Kompetenzen, wie etwa IT-Fachwissen und Online-Kompetenzen, sondern umfassen darüber hinaus die Kombination mit personalen und sozialen Kompetenzen (Kommunikation und Kollaboration) sowie vertieftem betrieblichem und beruflichem Fachwissen. Beim „Wie?“ steht die Nutzung digitaler Medien im Rahmen beruflicher und betrieblicher Lernprozesse im Mittelpunkt. Dies dient nicht nur der Vermittlung digitaler Kompetenzen, sondern auch der methodischen Bereicherung der gesamten Aus- und Weiterbildung. Digitale Bildung ergänzt dabei die traditionellen Lehr- und Lernarrangements. Die im Zuge der voranschreitenden Technologisierung, Vernetzung von Wertschöpfungsketten und Kollaboration von Mensch und Maschine entstehenden Bedarfe an „digitalen Schlüsselkompetenzen“ werden bereits als neue vierte Kulturtechnik neben Schreiben, Lesen und Rechnen beschrieben.

Insgesamt sind alle Bildungsbereiche gefordert: Während frühkindliche Bildung, Schule, Ausbildung und Studium die Grundlagen für die berufliche Vertiefung legen müssen, steht für die berufliche Qualifizierung der Erwachsenen die Umsetzung im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung im Vordergrund. Sie bietet die größte Flexibilität und ein reichhaltiges Repertoire an Angeboten und Instrumenten, um dem dynamischen Qualifizierungsbedarf gerecht werden zu können. Hier finden aktuell auch die meisten Aktivitäten von Unternehmen und Bildungsanbietern statt. Für die betriebliche Weiterbildung kommt es insbesondere darauf an, die vorhandenen Mitarbeiter für geänderte Rahmenbedingungen, Anforderungen und Tätigkeiten zu qualifizieren.

Im Bereich der beruflichen Ausbildung wurden bereits einige berufsfeld- und branchenspezifische Studien, etwa für die IT-Berufe sowie für die Metall- und Elektroberufe, vorgelegt. Grundsätzlich bieten die gestaltungsoffen, technikneutral und prozessintegriert formulierten Ausbildungsordnungen in Verbindung mit den betrieblichen Einsatzfeldern sowie dem betrieblichen Auftrag als Prüfungselement zahlreiche betriebliche Gestaltungsfreiräume, um die neuen Anforderungen bedarfsgerecht im Ausbildungsbetrieb zu qualifizieren. Diese Möglichkeiten werden jedoch traditionell von technologischen Vorreitern und größeren Unternehmen intensiver genutzt, sodass hier Nachholbedarf bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gesehen wird. Insgesamt konstatieren alle bislang vorgelegten Studien keinen grundsätzlichen Modernisierungsrückstand des dualen Systems der Berufsausbildung, zeigen jedoch Wege auf, wie durch ergänzende Berufsbildpositionen oder Zusatzqualifikationen vorhandener, digital getriebener Qualifizierungsbedarf sinnvoll organisiert werden kann.

Dr. Hans-Peter Klös
Geschäftsführer und Leiter
Wissenschaft,
IW Köln
Telefon: 0221 4981-710
E-Mail schreiben