Fortbildungsprogramm 2017/2018
Südhessens innovatives Bildungsnetzwerk
Menü

Der Einfluss von Eltern auf die Berufsorientierung ihrer Kinder

Seit einigen Jahren dokumentieren Jugendstudien: Die junge Generation, oft mit der aus den USA stammenden Metapher als „Generation Y“ bezeichnet, hat eine enge Verbindung zu ihren Eltern. Mutter und Vater fungieren für sie als soziale Modelle für die Lebensgestaltung, von Konflikten und Spannungen zwischen den Generationen ist selten die Rede.

Der Bund mit den Eltern ist offenbar eine der Entlastungsstrategien der Ypsiloner gegen ihren Lebensstress in einer offenen Gesellschaft. Solange es geht, suchen sie in den ruhigen Gefilden des Elternhauses Schutz vor den Stürmen des Lebens. „Die Eltern sind ihre wichtigsten Berater und ihre sozialen Vorbilder für die Lebensplanung. Ihr Verhältnis zu ihnen ist konstruktiv und zweckorientiert. Nur dank ihnen können sie ihre Jugend trotz aller Ungewissheit als eine Pufferzone, ein soziales Moratorium zwischen Kindheit und Erwachsenenleben gestalten. Die Ypsiloner spüren, dass sie in allen existentiell wichtigen Fragen der Bildung, Berufswahl und wirtschaftlichen Absicherung versierte Verbündete brauchen, um mit Engpässen, Notlagen und Problemen zurechtzukommen. Sie pflegen den Kontakt zu den Eltern“ (Hurrelmann und Albrecht, Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert. Verlagsgruppe Beltz, Weinheim, 2014, S. 191).

Bei der wichtigen Frage nach der Berufsorientierung suchen die Jugendlichen also den Schulterschluss mit ihren Eltern. Und umgekehrt sind diese daran interessiert, ihre Kinder emotional und sozial so weit wie möglich zu unterstützen. Die große Mehrheit der jungen Leute, so zeigen die vorliegenden Studien, kommt mit der Herausforderung der Berufsorientierung recht gut zurecht. Aber unter der optimistisch stimmenden Oberfläche positiver Einschätzungen der Jugendlichen und ihrer Eltern sind einige Unsicherheiten und Irritationen nicht zu übersehen. Nur die Hälfte der befragten jungen Leute fühlt sich richtig gut über die beruflichen Chancen informiert und sieht sich gerüstet, die Berufswahl kompetent vorzubereiten und durchzustehen. Ein Fünftel ist sogar ratlos und überfordert. Viele klagen über ein Defizit an systematischer Aufklärung und Information, vor allem aus dem schulischen Bereich, in dem sie sich durch die Lehrkräfte und durch kooperierende Fachleute der Berufsberatung viel mehr professionelle Beratung und Unterstützung wünschen, als sie heute tatsächlich erhalten. Die findet aber nur sehr selten umfassend statt, wie aus dieser Erhebung leider allzu deutlich hervorgeht. 

Die Konsequenz: Den größten Teil der Information und Aufklärung leisten die Eltern. Sie sind die Vertrauten in allen wichtigen Entscheidungen über die Zukunft, und die Berufsorientierung, Berufswahl und Berufseinmündung gehören nun einmal an vorderster Stelle dazu. Auch Freunde werden gerne konsultiert. Erst nach diesen engen Bezugspersonen folgen fachliche Quellen, allen voran das Internet. Aber jeder weiß, dass eine souveräne Nutzung dieses komplexen Mediums nicht immer leicht ist. Eigentlich kann man im Internet nur mit guten Vorkenntnissen zu erfolgreichen Ergebnissen einer Recherche kommen. Freunde und Eltern, so kann man vermuten, wirken hier als Interpreten und Einordner der Informationen.

Bei allem Respekt vor der ungeheuren Leistung der Eltern muss man sagen, dass sie zwar vertraute und sensible Unterstützer ihrer eigenen Kinder sein können, aber naturgemäß nicht die notwendige Kompetenz und das Detailwissen aufbringen können, dass für eine solche verantwortungsvolle und komplexe Aufgabe unbedingt vorhanden sein muss. Im Idealfall sollten die Eltern als Berater und Unterstützer bei der Berufswahl fungieren, die eigentliche Basis der Information aber sollte von professionell geschulten Instanzen und Personen geleistet werden. Davon sind wir in Deutschland nach den Aussagen der befragten jungen Leute meilenweit entfernt.

Erschreckend ist auch die Zweiteilung der Informationslage zwischen den Schülern an Gymnasien und denen an anderen Sekundarschulen. Nach wie vor leben die jungen Leute in Deutschland in zwei getrennten Schulwelten, und das wirkt sich auch auf ihre Berufsorientierung aus. Unsicherheiten und Informationsdefizite häufen sich bei den jungen Leuten an den Sekundarschulen, den Schulen ohne eine Oberstufe, die aus Hauptschulen und Realschulen oder ihren Nachfolgern bestehen. Bei den 

Jugendlichen san den Gymnasien sieht es dagegen sehr viel besser aus. Hier treten Defizite entweder kaum auf oder werden wenig thematisiert. Der Grund: Die Gymnasiasten planen die weitere Fortsetzung ihrer Laufbahn überwiegend an Hochschulen, also durch ein Studium, und deswegen ist die unmittelbare Berufswahl bei ihnen noch aufgeschoben. Die Sekundarschüler aber stehen direkt vor der Entscheidung für eine berufliche Ausbildung. Bei ihnen ist die Not der Information besonders groß. 

Je niedriger der Status einer Schule, desto mehr klagen sowohl die jungen Leute selbst als auch die Eltern über einen großen Mangel an Information, sie fühlen sich unsicher und schlecht informiert. Positiv werden von ihnen alle direkten Kontakte in die Berufswelt hinein bewertet. Die Berufspraktika stehen dabei hoch im Kurs, auch Gespräche mit direkten Mitarbeitern aus Unternehmen spielen eine sehr große Rolle. Man merkt hier deutlich, wie wichtig authentische und direkte Informationen für die Meinungsbildung der jungen Leute sind. Und man merkt auch, wie begrenzt die Einsichten der Eltern notgedrungen sein müssen, da sich die Berufswelt schnell verändert. Die Eltern sind zwar nicht auf einzelne bestimmte Berufe festgelegt, aber letztlich können sie natürlich nur aus ihrem eigenen Fundus an beruflichen Erfahrungen schöpfen. Dieser Fundus kann noch durch Kontakte zu Berufskollegen ausgebaut werden, aber er ist doch ziemlich begrenzt. 

Es ist also noch viel zu tun. Die hohen Abbruchquoten von etwa 25 Prozent in der beruflichen Ausbildung (und übrigens auch beim Studium) sprechen eine deutliche Sprache. Immer dann, wenn es zu einer dauerhaften Kluft zwischen den Erwartungen und den real erfüllbaren Möglichkeiten kommt, ist das Risiko eines Abbruchs sehr groß. Die Berufswahl ist ja so etwas wie ein Vermittlungsprozess zwischen der eigenen Biografie und den daraus sich ergebenden persönlichen Perspektiven und der realen beruflichen und sozialen Chancenstruktur. In den heutigen Zeiten sehr schneller Veränderungen der Berufsbilder und -qualifikationen ist diese Vermittlung schwierig geworden. In den Abbruchquoten spiegeln sich nicht nur persönliche Unzulänglichkeiten, sondern strukturelle Gegebenheiten. Sie sind nicht nur allein auf einen interpersonalen Konflikt zurückzuführen, sondern auf strukturelle Passungsprobleme. Meist sind die Gestaltungsmöglichkeiten, die empfundene Gerechtigkeit, die gesundheitlichen Möglichkeiten, die Standardisierungen, Belohnungen, Anforderungen an Anpassung und Opportunismus, Konkurrenzbeziehungen und Unterdrückungsprobleme im Spiel. Alle diese Faktoren wirken auf einen Abbruch hin. Unser Ziel muss es sein, die Quote innerhalb der nächsten zehn Jahre zumindest zu halbieren.

Dr. Klaus Hurrelmann
Professor of Public Health and Education
Hertie School of Governance, Berlin
Telefon: 030 259219-322-305
E-Mail schreiben